Die moderne, wandlungsfähige Gesellschaft braucht und liebt ihre sensiblen und informierten Provokateure. Sie verabscheut grobe, gewalttätige Provokateure.
Ein effektiver Provokateur in Aktion ist eine Art "Edel-Terrorist" - ein gezielt unmöglicher, rein literarischer Begriff! Mit Hilfe von Schriften, DEMOs, organisierten Skandalen usw. ist er wirkungsvoller als jeder der üblichen Terroristen. Er macht gerade diese nicht nur zu tragischen, sondern soweit vor dem ernsten Hintergrund überhaupt möglich, zu lächerlichen Figuren, frei nach Asimov: "Gewalt ist die letzte Zuflucht der Inkompetenten".


Keine Straftaten



Ein Edelterrorist begeht keine Straftaten - außer "virtuell" in seiner Rolle als rein literarische Figur. Vielmehr weist der "Edelterrorist" - will sagen sein Autor - in spektakulärer, drastischer Weise auf reale gesellschaftliche Gewalt hin. Mit dem norwegischen Friedensforscher Galtung unterscheidet er bei der Verursachung von Leiden:


 
Direkte Gewalt - global, national, bis runter auf die familiäre Ebene, etwa: Ein Mann schlägt seine Ehefrau. 
 
Indirekte Gewalt, etwa: Ein Mann verhindert, dass seine Ehefrau Zugang zu Bildung, zu Chancen einer eigenen Persönlichkeitsentwicklung hat.

Beide Formen der Gewalt will er eindämmen. Der von Gewalt provozierte, frustrierte Mensch wird selbst zum Provokateur. Er wendet sich mit seiner literarischen Rolle als Edelterrorist vor allem gegen indirekte Gewalt, also gegen vielfältige Unterdrückung - auch gedankenlose Demütigung, unbeabsichtigte Ausgrenzung, subtile Beleidigung oder Nötigung und deren biopsychosoziale Folgen, insbesondere emotionale. Immer wenn man keine direkte, handgreifliche oder mit Waffen ausgetragene Gewalt erlitten hat, aber doch "zurückschlagen", sich wehren möchte, dann hat man indirekte Gewalt erfahren.

Es kommt darauf an, diesen Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen, Motto Auge (besser durchblickendes) um Auge (mit Gewalt verletztes).

Der Edelterrorist lässt - immer im literarischen Bereich - den Verursacher schwerer Leiden öffentlich einen "unüberspürbaren" Bruchteil dessen erleben, was dieser in der Gesellschaft anrichtet. Das soll drastisch sein, wenn angemessen "am Rande der Legalität". Es darf aber keinesfalls willkürlich (ohne massiven Anlass) und in der Realität niemals verbrecherisch sein, egal wie unedel und breit die indirekte Gewalt ist.
Eine DEMO zu Untaten des Verursachers großer Leiden ist jenseits des Randes der Legalität nur literarisch und künstlerisch-demonstrativ erlaubt, im Tenor: Wie wir Missstände gezielt offen legen, ist zwar spektakulär deutlich, aber zugleich sanft im Vergleich zu den realen, von uns kritisierten Taten. Aus diesem Grunde gehören plumpe Horrorbilder und -filme nicht dazu, denn diese vergrößern nur die Gewalt, verdoppeln etwa mit ihrem Ekel nur die anzuklagende Umweltverschmutzung.

Der Edelterrorist verwendet eine homöopathische Dosis, maximal eine Prise. Es geht ihm um eine Botschaft. In Gestalt seines Autors stellt er sich gerne jedem Gericht und jedem öffentlichen Diskurs.


Für jeden machbar: Die EMO



Wo ein Frustrierter vermutet, dass der Verursacher seiner Leiden ganz demokratisch erreichbar, vielleicht sogar ansprechbar ist, kann er ihm eine EMO (Emotionale Rechnung) senden. Das ist eine breit einsetzbare Form des allermildesten "Edelterrorismus", die jeder ganz einfach verwenden kann, siehe hierzu das "EMO-Handbuch" (z.B. in Google eingeben)

Für angewandten Edelterrorismus bis hin zur EMO passt eine im Kern demokratische Theorie mit vielen Anregungen für spektakuläre Aktionen, die von einem heute zu Unrecht weitgehend unbekannten amerikanischen Bürgerrechtler stammt, siehe:

          
Saul D. Alinsky: Rules for Radicals, Vintage, N. Y. 1971
          
Saul D. Alinsky: Reveille for Radicals, Vintage, N. Y. 1946 und 1989, und
          
Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften von Saul D. Alinsky und Karl-Klaus Rabe von Lamuv Verlag GmbH
              (Broschiert - 1984 und 1999).

Saul Alinsky war ein Meister im Erfinden von provokanten und zugleich legalen DEMOnstrationen, um enormen Druck auf gesellschaftliche Unterdrücker aller Art auszuüben.

Mit einer EMO kann der Frustrierte die Unterdrücker mit deren Selbstverständnis konfrontieren und dabei spektakulär gewinnen. Bei Alinsky sind es (noch) keine überall in Nullkommanix improvisierbaren EMOs, sondern strukturell ähnliche, immer spektakuläre Aktionen der Befreiung von Willkür, meist durch PR-wirksame DEMOnstrationen.

Das ist für die eigene Identität und gesellschaftliche Rolle viel überzeugender, als sich mit Terror oder sonstiger Gewalt selbst weitestgehend ins Unrecht zu setzen. Dabei wird mit Engagement der Erfolg gesucht, friedlich, und doch frei nach Hannibal, den Saul Alinsky als geistigen Wegweiser zitiert hat: "Entweder wir finden einen Weg, oder wir machen uns einen."

Einige bei den EMOs pragmatisch verwendete Prinzipien von Saul Alinsky:

          
Protest-Organisationen werden mit Streitpunkten aufgebaut, die spezifisch, unmittelbar akut und realisierbar sind 
          
Leute suchen verzweifelt nach einer Identität, und wenn man Ihnen eine ermöglicht, werden sie sehr mutig 
          
Leute suchen verzweifelt nach Drama und Abenteuer; wenn man Ihnen dies ermöglicht, werden sie sehr mutig 
          
Das Leitprinzip ist die Würde des Menschen, aller Menschen; jegliches Programm, das sich gegen Menschen richtet,
              sei es wegen Rasse, Religion oder sonst was, verstößt gegen die Würde des Menschen.

Was kann jeder Frustrierte hier und jetzt selber machen? Jeder hat in seinem Leben ein paar bühnenreife Erlebnisse hinter sich, für die er das "Drehbuch" gerne umgeschrieben hätte. Da könnte es sein, dass man einem Schuft gerne mit der eigenen Faust die Nase blutig geschlagen - oder ihm wenigstens eine Faust vor die Nase gehalten - hätte. Jedenfalls gab es ungerechten, überflüssigen Stress, und man hätte dem Verursacher gerne die Rechnung präsentiert, die er verdient gehabt hätte. "Hätte", das war bis 2006. Ab 2007 kann jede/r eine Emotionale Rechnung (EMO) an den Stress-Verursacher senden. Weltweit gibt es viele Betroffene, sei es nun privat oder auf Arbeit oder im Verein, die sich über ein Produkt oder ein Verhalten ärgern, sich über eine Dienstleistung aufregen, an einer Behörde verzweifeln. Das Handbuch gibt viele anschauliche Beispiele, wie jeder eine passende EMO schreiben kann. In Richtung "demokratischer Edelterrorismus" gibt es dort ein Kapitel "Wie kann ich eine Skandal-EMO vermeiden - oder inszenieren?" und ein weiteres: "Antworten auf FAQs, demokratische Verankerung".


Was besonders edle Terroristen tun



Möglichst nahes Fernziel ist die Weiterentwicklung vom geistigen Terroristen, über den vergeistigten hin zum besonders edlen Terroristen, der schließlich nur noch tüchtige und friedliche Menschen antrifft und diese mit einem freundlichen WiDuMi durch hingebungsvolle Lobpreisungen ein wenig nervt. Wobei er den „edlen Terror“ nur noch aus Nostalgie im Namen behält, aus der Zeit des finsteren Mittelalters, das etwa bis zum Jahre 2500 Bestand gehabt haben wird - wie jeder Zeitmachinennavigator weiß.


Das moderne Werkzeug für die Jetzt-Zeit des Lesers ist ein WiDuMi aus dem Buch:

Philipp Sonntag: Ungereimtes und Gereimtes - mit malerischen Interpretationen von Sabine Kaemmel.
Projekte Verlag Cornelius, Halle/Saale, ein Kunst(volles)buch 19,90 €, 147 Seiten, ISBN 978-3-86634-690-1, 2009.